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Bus mal wieder

Der Bus setzt an, in die Haltestelle einzufahren, ich sitze drin und will am Schild draußen nachschauen, wo wir genau sind. Doch dann bin ich vollständig abgelenkt. Auf dem Dach der Haltestelle liegt ein großer grüner Berg. Weihnachtsbäume. Auf dem Dach! Mal mit der Spitze, mal mit dem Stamm in Richtung Straße. Ich verdrehe den Kopf, muss über den Mittelgang des Busses und an den auf der anderen Seite sitzenden Menschen vorbeischauen, dann steigen weitere Passagiere zu um die ich herum gucke, doch all das kriege ich eigentlich gar nicht mit. Ich sinniere amüsiert wichtigen Fragen der Menschheit nach: wie kommen die da hin, ob die aus dem Fenster bzw. den Fenstern aus dem Haus dahinter… , oder von unten und wie… , ob nachts… und wieso denn überhaupt… ? Ob das eine Tradition… ? Und was denn wohl die BSR-Männer, oder ob die BVG-Leute … und wie viel hält so ein Dach, wenn jetzt noch Schnee drauf fallen würde? Alles sehr, sehr wichtig. Und erst Minuten später – oder Wochen? – registriere ich den Herrn mir diagonal gegenüber sitzend, der mich groß und spöttisch lächelnd anschaut und sich offenbar keinen Reim auf meine Mimik machen kann. Ich erwache aus meiner Weihnachtsbaum-Meditation und muss ganz schnell auf mein Handy gucken, sehr, sehr wichtig und mit leichter Gesichtserwärmung! Schließlich weiß ich immer noch nicht, wo wir grade sind!

Nuss

Am Marktstand ist wenig los bei dem Wetter, die Verkäuferin schaut auf ihr Handy, der Nieselregen hält das Gemüse frisch. Ganz am Ende des Verkaufstisches hat sie Walnüsse und riesige Haselnüsse zum Verkauf und während ich den Stand passiere landen dort elegant zwei Nebelkrähen. Die eine sucht genau aus, die andere macht sich schnell mit einer Walnuss im Schnabel bereit zum Abflug. Ich amüsiere mich, spektakele gleichzeitig ein bisschen herum um die Vögel zu vertreiben. Ach, sagt die Verkäuferin, dit machen die schon die janze Zeit. Zahlen die denn auch, will ich wissen. Jepp, sagt die Verkäuferin mürrisch, mitm Lächln.

öffentlich

Im ICE am 28.12.17 nach Berlin, voll besetzt mit Menschen und weihnachtlichem Übergepäck, kommt eine Durchsage. „Silke, mein Schatz, diese Durchsage ist für Dich. Du sitzt in Wagen 8, Platz 104 und Du bist die Liebe meines Lebens. Ich bin so glücklich, dass wir uns begegnet sind, ich will nie wieder ohne Dich sein. Und deshalb frage ich Dich jetzt, Silke, (mit zunehmend belegter Stimme) willst Du meine Frau werden?“ Im Großraumabteil herrscht kurzes Schweigen, dann bricht tosender Applaus aus, Pfeifen und Johlen. Und einige Taschentücher werden gezückt.

Zwanzig Minuten später kommt die nächste Durchsage, diesmal vom Schaffner: „Nur zu Ihrer Information, sie hat übrigens angenommen.“

quatschen

Im Trödelladen entdeckt sie einen Satz alte Schnapsgläschen und nach kurzem Zögern geht sie mit ihnen zur Kasse. Die wollten mit, sagt sie zu dem heftig tätowierten Mann hinterm Tresen. Ach, fragt er, ham se dit jesagt? Ja, bestätigt sie, alle miteinander. Wortlos packt er die Gläschen jeweils zu dritt in viel Zeitungspapier ein und klebt die Päckchen sorgfältig zu. Während er kassiert guckt er ernst über den Tresen und sagt: So. Die hab ick so verpackt, da hörn se bis zu Hause keen Jequatsche mehr.

fliegen

In der S-Bahn schaut der gut gekleidete ältere Herr schon eine ganze Weile interessiert an dem Klappfahrrad herum, das der Frau gegenüber gehört. Ein komplizierter Mechanismus, das Hinterrad unten rum nach vorn gekippt, man fragt sich, wie das geht. Als zufällig beide an derselben Station aussteigen, fragt er: Kann das auch fliegen? Sie klappt das Rad wundersam auseinander, lächelt und meint, dass das so ungefähr das einzige sei, was es ihres Wissens nach nicht könne. Naja, sagt er, Hauptsache, Sie bleiben gesund. Sie schaut verwundert hoch, bedankt sich, doch der Mann ist schon verschwunden.

glatt

Beim arabischen Imbiss an der Ecke ist Hochbetrieb. Alle reden durcheinander, irgendwie bekommt jeder was er bestellt hat, in der Ecke an der Tür streitet sich ein Paar mit reduzierter Stimme über alles und nichts und links vor dem Tresen sitzt ein Borussia-Fan und will zahlen. Ein Mitarbeiter kommt um den Tresen, kassiert, man kennt sich. Das Aufstehen fällt dem Gast schwer, die Krücken stehen zwischen Stuhl und Wand eingeklemmt, die Jacke ist dick gefüttert und im Wege und eine Spastik in den Armen macht es nicht leichter. Komm, ich helf Dir, sagt der Tresenmann. Doch bevor er das darf, muss geklärt werden, für welchen Verein er ist. Logisch. Da die Antwort stimmt, darf er helfen. Aber nur beim Aufstehen. Der Weg zur Tür ist nicht lang, das streitende Paar unterbricht sich kurz und macht Platz. Doch die Tür geht schwer. Jemand drückt sie auf. Und der Tresenmann beschließt, ich komme noch mit zum Bus, draußen ist es glatt. Ein kurzer Blick über den Tresen zum Chef, Chef nickt. Das sei Unsinn, sagt der Gast, schon auf den spiegelglatten Stufen stehend, das könne er allein. Logisch, hört man noch, bevor die Tür zugeht, ich muss nur Zigaretten holen.

Achso, denke ich und habe vergessen, was ich bestellen wollte.

kühl

Bei deutlichen Minusgraden sitzt an der Bushaltestelle eine Frau und macht sich Notizen. Ein Rentner geht vorbei und bemerkt, det is doch zu kalt für Schullarbeiten. Ja, sagt sie, aber zu Hause war keine Zeit und das müsse noch fertig werden. Naja, is ja jut, sagt er mit prüfendem Blick, da behält man wenichstens n kühl’n Kopp. Den Verweis auf ihre Wollmütze hört er im Weggehen schon nicht mehr. Ist auch nicht so wichtig.

Wurm

In der Gemüseecke des Supermarkts steht ein Mann, der augenscheinlich auf der Straße lebt. Es ist kalt draußen, er hat mehrere Mäntel übereinander, auch mehrere Mützen auf dem Kopf und diverse Taschen dabei. Gründlich schaut er sich die Äpfel an. Dann findet er ein angeschlagenes Exemplar, das wohl schon mal über den Boden gerollt ist, so wie es aussieht. Er nimmt den Apfel und fragt eine vorbeieilende Angestellte, ob er den haben kann. Wiiee, haben, fragt die Frau verständnislos. Nun ja, er sei ja doch angeschlagen, der Apfel, und den würd doch keiner mehr kaufen, erklärt der Mann ruhig. Die Verkäuferin regt sich auf, wo kämen wir denn da hin usw., nimmt ihm ruppig den Apfel aus der Hand und schlägt beim Zurücklegen gleich noch ein paar weitere Äpfel an. Na jut, sagt der Mann mit milder Stimme, denn buddel ick den Wurm wieda ein.

Ein paar junge Leute überlegen noch immer, was er wohl genau gemeint haben könnte mit seiner Antwort, nachdem sie ihm drei Äpfel geschenkt haben. Gekaufte, natürlich.

vorweihnachtlich

Der Bus ist voll mit nassgeregneten Menschen mit Tüten, Paketen, Päckchen – Vorweihnachtszeit in Berlin. Ein paar Stehplätze gibt es noch, die Türen schließen sich, der Bus fährt langsam an. Bremst wieder, die Fahrertür geht noch mal auf, drei junge Typen stürzen rein. Naß und hektisch drängen sie an Fahrer und Fahrgästen vorbei. Der Busfahrer brummt beim Türenschließen: Und wie sagt man… Da dreht der letzte der drei Zugestiegenen sich um, denkt kurz nach und sagt: Voll korrekt, Alter. Der Fahrer setzt den Bus in Bewegung und murmelt: Det will ick meinen.

dörflich

Morgens kurz vor acht geht sie mit dem Hund raus, einmal um den Wasserturm, die übliche Strecke. Auf dem Rückweg hat der Erdbeer-Stand schon offen und sie ordert ein Kilo. Ein Blick ins Portemonnaie – es reicht nicht. Ejal, sagt der Erdbeer-Mann, denn kommste später vorbei und zahlst dann. Da könne sie leider nicht, sie könnte höchstens ihren Mann vorbei schicken. Ob er ihren Namen oder Telefonnummer haben will – Nee, sagt er, nich nötich. Den erkenn ick doch am Hund.