Wunsch

Im Zug hinter mir sitzen Mutter und Sohn und reden halblaut über die Dinge der Welt, die einen Fünfjährigen umtreiben. Ich bemühe mich, nicht hinzuhören, obwohl es ein spannendes Gespräch ist, doch ich  verstehe sowieso nur die Hälfte. Je näher wir Berlin kommen, desto mehr dreht es sich um die nächsten Verabredungen, Wege und Möglichkeiten. Wir müssen zur Schönhauser Allee, sagt die Mutter und dann in die Erich-Weinert-Straße. Oooh, sagt das Kind, das ist ja toll, E-ich-Weina-t-Straße! Ich verstehe es nicht ganz und ich will ja auch nicht zuhören, doch das Kind verfällt in einen Singsang: E-ich-Weina-t-Straße, E-ich-Weina-t-Straße, …. Die Mutter ist bald genervt, fragt: Was hast Du denn immer mit der Erich-Weinert-Straße? Da will ich gerne wohnen, sagt das Kind, das wäre mein größter Wunsch! Oh, sagt die Mutter, das werden wir wohl nicht hinkriegen, da eine Wohnung zu finden. Das Kind singt weiter mit leiser Stimme E-ich-Weina-t-Straße, E-ich-Weina-t-Straße bis die Mutter wirklich keine Lust mehr hat und sagt: Nun hör doch mal auf, was ist denn jetzt so toll an der Erich-Weinert-Straße? Und das Kind, inzwischen auch leicht genervt über die offenbar begriffsstutzige Mutter sagt laut und deutlich und vorwurfsvoll gedehnt: Ist doch klar, Mama. Da ist ewig Weihnacht! Ewig-Weihnacht-Straße! Da will ich gerne wohnen!

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